„Nach-Schauen“ als postmoderne Handlungsform

In den letzten Wochen habe ich mich in Gedanken über die Art und Weise, wie wir die Welt in der wir gerade Leben beschreiben können, vertieft. Orientiert habe ich mich in diesem Zusammenhang viel an Autoren wie J.-F. Lyotard (1979) und Z. Bauman (1995, 2005) und damit an dem Diskurs rund um die Postmoderne.

Parallel dazu hat mich das Buch „Media, knowledge and education: cultures and ethics of sharingvon Sützl, Stalder, Maier und Hug (2012) zum Weiterdenken angeregt. Darin wird die These diskutiert, dass die Handlungsform des Teilens, des Sharings einen wesentlichen Stellenwert in der Kultur des 21. Jhdts. eingenommen hat.

Neben diesem Teilen und Sharen scheint aber eine weiteres Muster für unsere ein gegenwärtig häufige Handlungsform. So habe ich der letzten Zeit häufig den Satz: „Moment, ich schau gleich nach.“ gehört.
Meistens ist damit eine schnelle, umgehend erfolgende Internet-Recherche bspw. auf Wikipedia, aber auch in der eigenen Mailbox, im Kalender oder in den am Smartphone gespeicherten Kontakten gemeint. Der Satz bezieht sich daher auf eine kulturelle Handlung die die Komponenten medialunterstützer Informationsspeicher, Schnelligkeit und Aktualität einbezieht. Es geht also um einen schnellen Blick, um ein schnelles Schauen. – Diesem Nach-Schauen möchte ich ein wenig nach-schauen, es näher betrachten.

„Nach-Schauen“ im Sinne von „Nach dem Schauen“

HandWie bereits angedeutet meint „Nach-Schauen“ häufig das Konsultieren eines Informationsspeichers. Aktuell wird dabei auf meist mediengestützte Datenträger zurück gegriffen. Man konsultiert diese Informationsquelle(n) um sich umzuschauen und um dort zu sehen. D.h. man wirft einen schnellen Blick auf die Quelle, auf die Information.

Nach diesem Blick – also Nach dem Schauen – hat man sich im besten Fall die gesuchte Information angeeignet.
Man sieht dabei aber immer nur so viel, wie man bei einem schnellen Blick erhaschen kann. Es geht also nicht um ein tieferes Beobachten und ein wirklich detailreiches Ansehen, sondern vielmehr um ein Vorbeihuschen des eigenen Blicks über die Informationsquelle. Und es verweist darauf, dass man „Nach dem Schauen“, nicht mehr unbedingt „schaut“ oder „sieht“. – Man befindet sich ja „Nach dem Schauen“. Damit geht man in eine andere – einen vorranging Nicht-Sehenden – Handlungsform über.

„Nach-Schauen“: Auch ein Zwischenmenschlicher Akt

Blick_Tom

„Nach-Schauen“ meint aber auch so viel wie: Jemandem Blicke hinterher werfen! oder Blicke nach werfen!

Man stelle sich hierzu eine oft rezitierte, stereotype Situation vor:
Eine attraktive Person quert das Blickfeld einer offensichtlich interessierten Person, deren Blick und damit meist auch Kopf- oder gar Körperhaltung sich an der vorbeigehenden Person orientiert und ausrichtet. – Eine Person blickt der Erscheinung einer anderen nach.

Diese kulturelle Handlungsform scheint nicht unbedingt außergewöhnlich und „neu“ zu sein.
Durch das Aufkommen und die Etablierung von Social Media Formen hat sich diese Handlungsform jedoch noch weiter etabliert und neue Formen angenommen. Denn gerade auf Socialen Netzwerkseiten geht es darum „zu sehen und gesehen zu werden“. Die kulturelle Handlungsform des „Jemanden-Nachsehens“ zeigt sich hier indem bspw. Aktivitäten und geposteten Bilder anderer Personen verfolgt werden. Besonders brisant wird dies, wenn UserInnen mehr und mehr dazu neigen „nur“ nachzusehen, statt selbst Statusmeldungen oder Fotos zu posten (ich nehme mich hier selbst nicht aus!). Damit wird der voyeuristische Blick verstärkt und intensiviert.

So scheint also auch das Nach-Sehen neben dem Sharing/dem Teilen einen zentralen Stellenwert eingenommen zu haben. Oder war ihm dieser Stellenwert schon immer eigen?
Ich freue mich auf eure Gedanken und Kommentare dazu!

Quellen

Bauman, Z. (1995). Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen. (M. Suhr, Übers.) (1. Aufl.). Hamburg: Hamburger Edition (2007).
Bauman, Z. (2005). Education in Liquid Modernity. Review of Education, Pedagogy, and Cultural Studies, 27(4).
Lyotard, J.-F. (1979). Das postmoderne Wissen: Ein Bericht. (O. Pfersmann, Übers., P. Engelmann, Hrsg.) (7., ü.a. Auflage.). Wien: Passagen Verlag (2012).
Sützl, W.; Stalder, F., Maier, R., & Hug, T. (Hrsg.). (2012). Media, knowledge and education: cultures and ethics of sharing (1. Aufl.). Innsbruck: Innsbruck UnivPress.

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