Im „Werken“ am Werk entsteht das Werkzeug

IMG_1709Oktober ist´s!
Zeit der Bierzeltfeste, der Maßkrüge, der Dirndlkleider und der mit neu inskribierten Studierenden gefüllten Unis.

Ich bin über den Sommer fleißig an der Arbeit gesessen. Jetzt hab ich mir auch ein Bier verdient.
Über den Sommer hat mich ein Gedanke immer wieder beschäftigt, der all jenen, die einem Bierzeltfest beiwohnen eher wurscht sein wird, aber für all jenen die ins wissenschaftliche Arbeiten neu eintauchen leitend sein kann.

In den vergangenen Wochen habe ich mich intensiv mit J.F. Lyotard beschäftigt. (Gut, der Sprung von Bierzeltfesten und Dirndlkleidern zu Lyotard ist ein großer!) Ein detaillierterer Exkurs über Lyotards sprachtheoretische Auseinandersetzng mit postmodernen Gesellschaften findet sich in einem Abschnitt meiner Dissertation und wird hier zu einem späteren Zeitpunkt genauer besprochen. Ein Gedanke Lyotards lässt mich jedoch nicht mehr wirklich los. Das ist jener darüber, wie sich Regeln und Werkzeuge eines geschriebenen, eines bildnerisch dargestellten, eines handwerklich hergestellten etc. Werkes erst in der Arbeit an diesem Werk herauskristallisieren.

jean-lyotardLyotard (1983, S. 27ff) beschreibt, dass sich die Arbeit von PhilosophInnen und Kunstschaffende wie bspw. SchriftstellerInnen an einem konkreten Werk so gestaltet, dass sie erst während dem „Werken“ an einem „Werk“ – also bei der Erstellung des Werkes – die Regeln des Werkes etablieren. Anders gesagt: Das „Werken“ am Werk gleicht einem Suchen nach Regeln, die später für das gleiche Werk leitend gewesen sein werden. Es ist ein Suchen nach dem, „was gemacht worden sein wird“.
Dieses Regelsuchen ist nach Lyotard ein zentrales Charakteristikum der „Postmoderne“. Damit verweist er darauf, dass Post-Modern eben nicht ein Nach-der-Moderne, sondern ein Agieren in der „Vorzukunft“ oder im „post-modo “ meint.

Wesentlich und hervorzuheben ist, dass die Regeln des Tuns – also des Denkens und Schreibens – im geisteswissenschaftlichen Arbeiten wenn überhaupt nur zu geringem Anteil im Vorfeld definiert werden können. Die tatsächlich leitenden Regeln sowie die schlussendliche Werksform ergeben sich im Daran-Arbeiten. Das geisteswissenschaftliche und das künstlerische Arbeiten sind hierbei vergleichbar. Der Bildhauer muss, während er ein großes Stück Holz beschlägt, immer wieder seine Vorgehensweise angepasst an seinen Plänen überdenken. Auch eine geisteswissenschaftliche Arbeit muss bspw. beim Aufkommen eines nicht mitgedachten Gedankens vom eigentlichen Plan abweichen. Stück für Stück schmiedet sich das Werkzeug, mit dem schließlich das Werk gemacht worden sein wird.

IMG_1599Im Rahmen des Literaturfestival Schlierbach (nebenbei bemerkt: Eine großartige Sache! Da geben sich in einem kleinen Ort LiteratInnen und GedankenformuliererInnen mit klingenden Namen wie Thomas Arzt, Juli Zeh oder Robert Pfaller die Türklinke in die Hand!) wurde das Erzeugen von Regeln eines Werkes während des Schreiben eines Textes im künstlerischen Bereich diskutiert. In einer Podiumsdiskussion wurde über den Gehalt von Wirklichkeit in der Literatur oder den Gehalt von Literatur in der Wirklichkeit diskutiert. Unmerklich begann ich das Gesagte mit Lyotards Augen zu sehen und mit seinen Ohren zu hören: So wurde beschrieben, dass sich Rollen eines Theaterstücks erst durch einen Diskurs mit anderen Rollen als Figuren herauskristallisieren. Da wird davon berichtet, dass man zu Romanbeginn nicht weiß, wohin einen der Roman führt. Und es wurde von „reale“ Personen und ihren Lebensgeschichten als Vorlage für Romanfiguren erzählt, was an Lyotards erzählende Selbst-Entwürfe erinnert. Wie sehr definieren wir uns über „Geschichten“ und wie „wirklich“ sind diese? Erzeugen wir uns bzw. die „Regeln“ unseres Selbst im Erzählen über uns selbst? – Diese Überlegungen sind weitreichend und können hier nicht weiter verhandelt werden.

Den Studienbeginnerinnen und –beginnern, allen zukünftigen Kolleginnen und Kollegen sei mit auf den Weg geschickt:

Ja, das wissenschaftliche Denken und Schreiben folgt gewissen Regeln, denen man verpflichtet ist.
Die Regeln der eigenen Arbeiten – abseits von Zitierregeln, Leitlinien zum Aufbau eines Textes etc. – gestaltet ihr!

Quellen

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