Von Trans-, Para-, Ko-Humanismus oder einfach nur vom Menschsein

Ein Rückblick anlässlich des Medientags 2014 der Innsbruck Media Studies

Gestern fand der 10. Medientag der Innsbruck Media Studies statt, der sich rund um das Thema Körperphantasien: Mediale Inszenierungen zwischen Traum und Wirklichkeit drehte. Hier mein Rückblick und einige weiteführende Gedanken dazu.

Foto_Medientag

In ihrem Eingangsstatement „Neue Cyborgs, alte Träume“ spannte Univ. Prof. Dr. Karin Harrasser zunächst das weite Diskussionsfeld auf. Darin beschrieb sie, dass der Wunsch ein Cyborg zu sein aber gleichzeitig auch die Angst der „Vermischung“ von Technik und Mensch nicht nur ein gegenwärtiges, sondern auch ein historisches Phänomen ist. An Hand von Beispielen wie X-Men oder Oskar Pistorius beschreibt sie Diskussionsfelder, die das Menschsein bzw. die Körperlichkeit in Frage und zur Diskussion stellen. Die Körperlichkeit, so Harrasser, ist dabei etwas, das stets „kulturell codiert“ werden müsse. Im Moment würde diese „kulturelle Codierung“ verlangen mit der Entwicklung mitzugehen, mitzuschwimmen. Nicht aber ist in diesem kulturellen Umgang mit Entwicklungen die Möglichkeit des „NEIN“-Sagen und des Rausziehens aus der Entwicklung eingeschrieben. Das heißt nicht, dass eine Vermischung von Technik und Körper abwendbar wäre. Doch liegt es am Individuum sich in seinem Menschsein von den Entwicklungen bedingen zu lassen (Stichwort Leistungssteigerung). So spricht sich Harrasser dafür aus, den Menschen und die Körperlichkeit „im Futur 2“ zu denken, also als etwas, dass sich den technischen Entwicklungen entsprechend entwickelt haben wird, nicht aber als etwas, dass notwendigerweise zu Höchstleistung in der Zukunft getrieben werden müsse. Und sich spricht sich dafür aus, weniger vom „Post-Humanismus“, als viel mehr vom „Ko-“ oder „Para-Humanismus“ zu sprechen, bei dem die Kooperation, die Schnittmenge zwischen Mensch und Technik sowie die Heterogenität der Lebens- und Umgangssformen akzeptiert wird, statt in eine Form, insbesondere jener der Leistungssteigerung zu drängen.

Univ. Prof. Dr. Anne Siegetsleitner (Universität Innsbruck) ist auf ähnliche Aspekte die uns umtreiben – Leistungsideal, Schönheitsideal und Ideal der Unsterblichkeit – eingegangen. Auch sie beschreibt die menschliche und technische Evolution als unaufhaltsam. Im Umgang damit mahnt sie jedoch, dass aus dem „Humanismus noch viel raus zu holen“ sei. Dieser müsse nicht ersetzt werden. Vielmehr gilt es humanistische Überlegungen nicht über Board zu werfen, sondern trotz gegenwärtiger Entwicklungen zu verfolgen.

Dr. Jörg-Uwe Nieland (Deutsche Sporthochschule Köln) hat sich in seinem Vortrag „Optimierung als neues Leitbild – Anmerkungen zur Berichterstattung über Doping und die Quantified Self-Bewegung“ darauf konzentriert, wie die Technologieentwicklung nicht nur das Streben nach Leistungssteigerung, sondern auch den Umgang mit Gesundheit, Fitness und sportiven Hobbies verändert.

Und abschließend – und noch mehr Fragen aufwerfend – hat Dr. Stefan Lorenz Sorgner mit seinem Beitrag „Transhumanistische Bilder perfekter Körper“ versucht die zentralen Strömungen des Transhumanismus bspw. in Abgrenzung zum Posthumanismus zu verdeutlichen (was er auch in seinem Einführungsband zum Transhumanismus tut). Insbesondere hat er sein Verständnis des Transhumanismus im Sinne der Akzeptanz der „radikalen Pluralität des guten Lebens“ in Anlehnung an Nietzsche dargestellt.

cyborg

Die Beiträge und die Podiumsdiskussion zusammenfassend lassen sich für mich einige wesentliche Schlüsse ziehen:

(1) Die Frage nach den Körperphantasien in der Schnittstelle zwischen Technologieentwicklung und Menschsein wirft einige Kontroversen auf, die nicht nur aber insbesondere auch die klassischen (politischen) Orientierungen zwischen Liberalismus, Sozialismus und Konservativismus freilegen.
(2) Wenn es eine Gemeinsamkeit der genannten Positionen gibt, dann liegt diese im gemeinsamen Verständnis über die Pluralität der Lebensformen an der Schnittstelle zu technologischen Entwicklungen.
(3) Eine weitere Gemeinsamkeit liegt darin, dass wir auf diese Pluralität individuell eine Antwort finden und uns Verhalten lernen müssen.

Nun gibt es aus meiner Sicht entweder die Möglichkeit zu warten bis die Kontroversen geklärt sind, ehe wir gesellschaftliche, politische und institutionelle Antworten auf die Entwicklung von Mensch und Technik finden. – Dann aber, laufen wir Gefahr zu lange zu warten. Eine Kluft zwischen Realität und institutionellen Strukturen tut sich weiter auf. Oder aber wir begegnen uns bei den Gemeinsamkeiten und versuchen auf die Herausforderungen, die wir bereits jetzt ausmachen können institutionell zu antworten.

Mich interessiert in diesem Zusammenhang natürlich die Frage wie Bildung und Erziehung auf diese Entwicklungen antworten soll/muss. Aus der Diskussion am Medientag haben sich einige Hinweise ergeben denen ich weiternachgehen werde:

(1) So hat Karin Harrasser darauf hingewiesen, dass wir die Fähigkeit Nein-Zu-Sagen und uns Raus-Zu-Ziehen entwickeln müssen.
(2) Ebenso gilt es nach Harrasser zu lernen nicht alles unter Kontrolle haben zu können.
(3) Wir brauchen eine fundamental neue Haltung zum oder ein fundamental neues Verständnis vom Umgang mit Technologie und der Veränderung dessen den Menschen betreffend.
(4) Und von Sorgner nehme ich mit, dass es darüberhinaus Gesetzlichkeiten bedarf, die – zwar liberal aber dennoch – das Leben in der Schnittstelle zur Technologie regeln. So etwa könnte das Internet als eigener Staatsraum mit eigenen Gesetzen angesehen werden.

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