Schwarzes Quadrat auf weißer Leinwand – Oder zur Frage des Bildes von Bildung im digitalen Zeitalter

MünchenDen folgenden Text hab ich für einen Essay-Wettbewerb geschrieben, daher ist auch ein wenig länger als sonst.
Das Pech der anderen (der Text ist leider nicht in die engere Auswahl gekommen), ist euer Glück, denn so veröffentliche ich ihn einfach hier 😉
Ich hoffe der Text ist anregend, inspirierend, vielleicht auch mal energischer als sonst… Have fun!
Ich freue mich wie immer auf Feedback!

Fast überdrüssig setze ich mich ans Notebook um diesen Essay zu schreiben.
Überdrüssig nicht deswegen, weil es nicht spannend ist darüber nachzudenken wie Bildung gegenwärtig aussieht und zukünftig aussehen kann.
Der Überdruss entspringt der Vermutung, dass wie oft Innovationen entwickelt, auf Missstände verwiesen und Lösungsansätze vorgeschlagen werden, deren Umsetzung jedoch lahmt. Dass sich das Bildungswesen nicht oder nur langsam weiterentwickelt, kann keinesfalls von einem Wissensmangel oder einer Ideenlosigkeit wie man es hätte besser machen können herrühren, sondern ist der Trägheit der Bildungspolitik und des Bildungssystems geschuldet. Trotz meines Pessimismus also setze ich mich an den Schreibtisch, überwinde den Überdruss und versuche ein realistisches Bild von Bildung im digitalen Zeitalter zu skizzieren.

Aber schön der Reihe nach. Was heißt denn Bildung und was digitales Zeitalter? Befinden wir uns im digitale Zeitalter weil wir nicht mehr ohne Smartphone das Haus verlassen? Verweist die Formulierung auf die Stunden vor dem Notebook um eine Hausarbeit fertig zu stellen, sich auf eine Klausur vorzubereiten oder dem Vorgesetzten einen Bericht abzuliefern? Verändern digitale Medien den Alltag oder das Menschsein überhaupt? – Zu diesen Fragen gibt es einen jahrzehntelangen Diskurs in Wissenschaft und Praxis. Richtungsweisend hierfür war unter anderem Jean-François Lyotards (1979) Befund über Veränderungen im Umgang mit Wissen und Wissenschaft durch Mediatisierung und Technologisierung. Pointiert lautet seine Diagnose: Das bisher sicher und gültig geglaubte Wissen büßt durch den zunehmenden Einsatz von Medien und Technik an Glaubwürdigkeit ein. Der Glaube an den menschlichen Fortschritt, an die Weltverbesserung und an grundlegende Orientierungsfunktion der Gesellschaft wird zum Irrglauben. Daraus resultiert, dass wir uns nicht mehr, wie oft noch gefordert, als einheitliches Subjekt mit stringentem Lebenslauf etablieren können. Wir müssen uns immer wieder, mit je neuen Facetten und unter Einsatz digitaler Medien erzeugen. Heute, fast 35 Jahre nach Lyotards Diagnose, hat sich der Befund erhärtet und zugespitzt. Nach Manfred Faßler (2011), Medienwissenschaftler und Kulturanthropologe, genügt ein Agieren und Präsentieren in einer „realen“ Gemeinschaft nicht mehr zur Selbsterzeugung und -inszenierung. Diese verlaufen heute medial strukturiert und damit „virtuell“. Eine mediale Selbsterzeugung und -inszenierung erfolgt bspw. über Wortwahl, Reaktionsgeschwindigkeit oder den Einsatz von Emoticons in Messanger-Apps und E-Mails. Die Frage welches Profilbild und welche Informationen wir online zur Verfügung stellen ist gleichzeitig die Frage wie wir von anderen gesehen werden wollen. Leben findet im digitalen Zeitalter also nicht mehr nur offline oder online sondern im Dazwischen von Online- und Offline-Welt statt. An dieser Stelle muss darauf verwiesen werden, dass dieses Bild des Lebens im digitalen Zeitalter vorrangig jenes in westlichen modernen Ländern darstellt.

kletternKommen wir zur eigentlichen Frage: Wie sieht Bildung im Leben zwischen Offline- und Online-Lebenswelt aus?
Diese muss hinsichtlich zwei Aspekte spezifiziert werden, denn Bildung ist nicht gleich Bildung.

Einerseits verstehen wir unter Bildung einen Prozess der Welt- und Selbstaneignung. Anders formuliert: Bildung meint den nie abschließbaren und in jedem Moment stattfindenden Persönlichkeitswerdungsprozess. Andererseits verweist der Bildungsbegriff auch auf institutionelle Bildung und ihren zwei grundlegendsten Bildungszielen: Zum einen die Vermittlung einer basalen Lebensfähigkeit und damit verbunden der Erwerb von Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Zum anderen das Bildungsziel der, in den letzten Jahrzehnten zum Schwergewicht mutierten Ausbildung oder Gewährleistung einer employability, also Berufsfähigkeit. Nicht ausgeschlossen werden soll die Möglichkeit, dass institutionelle Bildung als Anreger für Persönlichkeitsentwicklungsprozessen fungieren kann. Zu selten jedoch wird dies als konkretes Lern- und Bildungsziel genannt, angestrebt und in eine Bewertung einbezogen.

Andererseits gilt es die Frage hinsichtlich des Zeithorizonts zu differenzieren. Beziehen wir uns auf das Bild von Bildung im gegenwärtig vorfindbaren digitalen Zeitalter und damit auf einen Ist-Stand? Oder aber geht es darum wie das Bild von Bildung heute und zukünftig entsprechend einer Gesellschaftsentwicklung skizziert werden könnte und sollte?

Abermals schön der Reihe nach.

Welches Bildungs-Bild hinsichtlich der Digitalisierung zeigt sich gegenwärtig im Kontext der Persönlichkeitsentwicklung – zunächst nicht institutionell angeregt – sondern jederzeit, in jedem Moment des Lebens? Wir sehen, dass der Umgang mit digitalen Medien in der Gesellschaft und im Lebensalltag fest verankert ist. Nur selten gibt es in der Handhabe von Medien massive Probleme. Wir lernen den Umgang mit Medien by doing. Oder haben Sie die Gebrauchsanweisung Ihres Smartphones durchstudiert ehe sie es in Betrieb genommen haben? War eine Annäherung an digitale Medien für ältere Semester noch erschwerter, erfolgt diese heute von Kinderbeinen an. Gibt man einem dreijährigen Kind eines medien-aufgeschlossenen Haushalts ein Tablet, so wird es dieses bedienen können. Ich nehme hier aber keine medienpessimistische Perspektive ein. Betont soll sein, dass wir von klein an notwendige Fähigkeiten und eine kritische Perspektive im täglichen Umgang mit digitalen Medien erwerben. Das verweist auf ein anzustrebendes Zukunftsbild.
Hinsichtlich der Frage wie der Persönlichkeitsentwicklungsprozess aussehen kann und soll, gilt: Lasst uns mit den Werkzeugen der Gegenwart – also mit digitalen Medien – arbeiten. Es ist wirklich an der Zeit die pessimistische und medien-verfluchende Haltung zu begraben. Um damit nicht noch mehr Energie zu verschwenden sei auf den jahrzehntelangen Diskurs darüber und die vielen bereits eingebrachten Argumente verwiesen. Ich verwende die Energie um meine These weiter zuzuspitzen: Lasst uns von der Wiege bis zur Barre mit den Werkzeugen der Gegenwart – also mit digitalen Medien – arbeiten. Nur so gelangen wir zu einem reflektierten Umgang damit, können das Werkzeug von Zeit zu Zeit weg legen, das Smartphone ausschalten und den Messanger-Dienst ignorieren. Nur so wandelt sich das Bild der „bösen unnatürlichen Medien“ zum Bild des nützlichen Lebenswerkzeugs.
Wie soll Persönlichkeitsbildung im digitalen Zeitalter aussehen: Digitale Medien sollen als Werkzeug zur Welt- und Selbstaneignung akzeptiert und eingesetzt werden. Nur in und durch Medien sind wir dazu im Stande immer wieder ein Bild von uns zu erzeugen, zu adaptieren, in unterschiedlichen Facetten darzustellen und die Mosaiksteine des fragmentierten Selbst versuchen zusammen zu halten. Eine kritische Perspektive auf Inhalte und Sicherheitsfragen gilt es von Kinderbeinen an zu entwickeln.münchen2

Wie aber sieht das Adäquatheits-Bild institutioneller Bildung im digitalen Zeitalter aus? An dieser Stelle möchte ich auf ein Bild von Kasimir Malewitsch (Vertreter der russischen Moderne) mit dem Titel „Schwarzes Quadrat“ (1915) verweisen. Zugegeben, der Verweis ist mir nicht selbst eingefallen. Er findet sich bei Lyotard (1982) zur Erklärung des modernen Versuchs die Existenz des Nicht-Darstellbaren darzustellen. Ziel in der modernen Malerei und bei Malewitsch ist sichtbar zu machen, „daß es etwas gibt, das man denken, nicht aber sehen kann“ (Lyotard, 1982, S. 24ff). Auf dem genannten Bild findet sich also ein – wie der Titel vermuten lässt – schwarzes Quadrat auf einer weißen Leinwand. Bezogen auf die im Moment zu erörternde Frage nach dem Bild von institutioneller Bildung im digitalen Zeitalter erscheint mir ebenso ein schwarzen Quadrat vor Augen, das auf die Motivation aber scheinbar unmögliche Umsetzung von adäquater Bildung verweist. Gut, das ist polemisch formuliert. Auch in institutionellen Bildungsprozessen finden wir den Einsatz von Medien und sogar von digitalen(!). Neben dem üblichen Einsatz im Grundschulbereich – Hinten im Klassenzimmer findet sich ein ausrangierter Computer, der vorrangig in der Pause zum Einsatz kommt – gibt es vereinzelt innovative Projekte zur Verwendung von Notebooks, Tablets oder Smartboards. Neben dem üblichen Einsatz in der weiterführenden und universitären Bildung – Die Online-Lernplattform dient hauptsächlich dem Hoch- und Runterladen von PDF-Dateien – gibt es ebenso vereinzelt innovative Projekte etwa zu freizugänglichen Online-Kursen – Stichwort: MOOCs – oder zur didaktischen Verknüpfung von Online- und Offline-Lernsequenzen – Stichwort: Blended Learning. Wie unschwer zu erkennen, liegt die Betonung auf vereinzelt und nicht flächendeckend. Hier gibt es Aufholbedarf, der im ersten Schritt darin liegt digitale Medien als Lehr- und Lerninstrument zu akzeptieren und sie im zweiten Schritt in ihren vielseitigen Möglichkeiten – Nicht nur Dateien hoch- und runterladen! – einzusetzen.
Fragt man explizit nach der Vermittlung von Grundfertigkeiten für das gegenwärtige und zukünftige Leben – wo nun einmal Welt- und Selbstaneignung in und mit digitalen Medien erfolgt – und damit nach der Befähigung zum Leben und zur Erwerbstätigkeit, so wird das Schwarz auf Malewitschs Bild immer dunkler und dunkler.
Wo wird denn vermittelt, dass unsere Lebenswelt grundlegend heterogen und plural ist? Wo wird einem die Unmöglichkeit zum einheitlichen und stabilen Selbstbild nahe gebracht? Wer sagt einem, dass die Kunst darin liegt sich trotz der vielen kleinen, medial-vermittelten Mosaiksteine treu zu bleiben? Wer bietet eine abgesicherte Spielwiese zum Erproben der gegenwärtig und zukünftig notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten?
Und wer zur Hölle hat den Mumm zu sagen: Ja, mediale Selbsterzeugung ist Teil der Welt- und Selbstaneignung! Ja, die Fähigkeit dazu ist die Grundfähigkeit! Und ja, die Vermittlung dessen ist oberstes Bildungsideal der Gegenwart und Zukunft.berg

Quellen

Faßler, M. (2011). Kampf der Habitate: Neuerfindungen des Lebens im 21. Jahrhundert. Wien; New York, NY: Springer.

Lyotard, J.-F. (1979). Das postmoderne Wissen: Ein Bericht. (O. Pfersmann, Übers.) (7., ü.a. Auflage.). Wien: Passagen Verlag (2012).

Lyotard, J.-F. (1982). Beantwortung der Frage: Was ist postmodern? In P. Engelmann (Hrsg.), D. Schmidt (Übers.), Postmoderne für Kinder: Briefe aus den Jahren 1982-1985 (S. 11–31). Wien: Passagen Verlag (1987).

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