Bildungsreferenten reformieren Bildungsreformen recht fromm

Tja, mit Bildungsreformen ist das so eine Sache.
Man wartet recht lang auf sie; sie sollen ja auch weitreichend und grundlegend sein und das braucht nun einfach mal Zeit.Bildschirmfoto 2015-12-15 um 18.26.32

Bei der am 17. November 2015 vom Bundesministerium für Bildung und Frauen vorgelegten Reform ist das grundsätzlich anders. Auch diese Reform hat den Anspruch „umfassend“ und fundamental zu sein. Dies zeigt sich auch im eigens formulierten Anspruch „eine nachhaltige Antwort auf die Herausforderungen im Bildungs- und Schulwesen von heute und morgen“ geben zu wollen.

„Engagiert“ – so könnte man diese, sich selbst auferlegte Aufgabe bezeichnen. Denn schließlich hat sich das Bundesministerium unter der Leitung von Gabriele Heinisch-Hosek sowie die einberufene Bildungsreformkommission nicht gerade viel Zeit für die Aufgabe genommen. Erst beim Bundesländergipfel am 30. September 2014 wurde die Einrichtung einer Bildungsreformkommission beschlossen. Und schon im März 2015 bei der Regierungsklausur wurde das Abgabedatum mit 17. November 2015 festgelegt. – Aber gut, man möchte ja nicht vorweg zu kritisch sein. Man möchte ja auch ambitionierte Ziele für erfüllungsmöglich halten.

Bildschirmfoto 2015-12-15 um 18.26.20Doch kommt bei der Bildungsreform nun eine zweite Schwierigkeit hinzu. Hierzu hole ich etwas weiter aus. Denken wir an unsere Schulzeit und hier bspw. an – mehr oder weniger – geliebte Deutsch-Schularbeiten. Wie üblich hat die Lehrerin oder der Lehrer eine Aufgabenstellung oder zumindest ein zu bearbeitendes Thema vorbereitet. Nun versucht man als Schülerin bzw. Schüler diese Aufgabenstellung so gut als geht zu bewältigen und so gut als geht das Thema zu bearbeiten. Unabhängig von den Rechtschreib- bzw. Formulierungsgeschicken dieser Schüler und Schülerinnen, wird das Thema mehr oder weniger besprochen. Je weniger das Thema behandelt wurde, umso wahrscheinlicher ist es, dass die Lehrperson zwar das Engagement der Schüler und Schülerinnen betont, aber gleichzeitig eine Themenverfehlung feststellen muss.Bildschirmfoto 2015-12-15 um 18.26.41

Es tut mir leid, sehr geehrte Bildungsreformkomission, ihr Anspruch einen Rahmen für Bildung angesichts gegenwärtiger und zukünftiger Herausforderungen und hierfür durch eine entsprechende Reform eine gesetzliche Grundlage zu schaffen, ist sehr zu schätzen und deren Erfüllung dringend notwendig. Leider muss ich feststellen, dass bei den von Ihnen vorgelegten Reformvorschlägen eine Themenverfehlung vorliegt. Warum dies so ist, wird im Folgenden skizziert.

Zunächst möchte ich auf die ausführliche Stellungnahme der ÖFEB verweisen. Darin werden u.a. folgende Inhalte lobend betont: „Ausbau der Frühförderung, die Verschränkung von Kindergarten und Volksschule und die Erweiterung pädagogischer Autonomie“.  Die ÖFEB bemängelt aber die fehlende „schlüssige Ausformulierung der Implementierungsstrategien“ sowie etwaige Qualitätssicherungsmaßnahmen. Auf die detaillierte Ausformulierung der Anliegen der ÖFEB möchte ich an dieser Stelle nicht noch einmal eingehen (bei Interesse können sie nachgelesen werden). Vielmehr möchte ich selbst noch einmal auf jene Punkte hinweisen, die aus meiner Sicht augenscheinlich zur Themenverfehlung beigetragen haben.

  • Zunächst einmal wird schon im ersten Absatz der Reformvorschläge das Verständnis der Bildungsreformkomission deutlich, dass wir uns – und insbesondere auch in Sachen Bildung – auf große gesellschaftliche Herausforderungen vorbereiten müssen. Dabei geht es ihnen vorranging darum, dass wir in einer „modernen Wissensgesellschaft“ auch weiterhin tatkräftig an „Wachstum“, „Wohlstand“ und „sozialem Zusammenhalt“ arbeiten. Dass Bildung und Gesellschaft dabei aber jeweils in einem reziproken Verhältnis stehen und Bildung nicht nur heißt auf gegebene Bedingungen zu antworten oder diesen – wie im vorliegenden Fall – hinterherzuhinken, sondern dass es auch Chance von Bildung sein kann, die Gestaltung einer zukünftigen Gesellschaft anzuregen, wird dabei außen vor gelassen.
  • Tatsächlich als äußerst problematisch erachte ich jedoch das Ansinnen Kinder und Jugendliche vom Kindergarten bis zum Austritt aus der Schullaufbahn möglichst lückenlos mit ihren jeweiligen Kenntnissen und Kompetenzen zu durchleuchten – Stichwort: „Entwicklungsscreening“, „durchgehendes Portfolio-System“, „durchgehende Sprachstands- und Entwicklungsdokumentation“, „förderbezogener Datenaustausch“. Damit verbunden ist das Verständnis, dass etwaige Entwicklungsschwierigkeiten „zielgenau gefördert“ werden könnten. Zu sehr erinnert dies an die Metapher des Nürnberger Trichters, wo man versucht das nötige Wissen in die Köpfe der Heranwachsenden zu pumpen. Zu sehr hat das den Beigeschmack, dass es das Ziel dieser Bildung nur sein kann passgenaue Bürgerinnen und Bürger, die dem wirtschaftlichen Wachstum dienen, heranzuzüchten. Zu wenig werden hier die eigentlichen Akteure von Bildung – nämlich: Schüler und Schülerinnen als Personen, Eltern und Lehrerinnen und Lehrer bzw. Pädagoginnen und Pädagogen – unberücksichtigt gelassen (wie dies bspw. unter dem Aspekt „Modell-Region-Paket Schule“ in anderer Form thematisiert wird). Wollen wir diese ´Kompetenzmaschinerie´?
  • Eine Art ´Kompetenzmaschinerie´ oder ´Begabtenschmiede´ zeichnet sich auch unter dem Punkt „Bildungsinnovationspaket“ ab. Es wird deutlich, dass die „Einrichtung einer Bildungsstiftung“ ebenso wie alle anderen Bestrebungen dem übergeordneten Ziel der Antwortformulierung auf „Herausforderungen im Bildungs- und Schulwesen von heute und morgen“ nachkommen möchte. Gleichzeitig aber zeigt sich auch, dass abermals ein „Exzellenzprogramm“ und die „Begabungsförderung“ im Zentrum steht. Anders formuliert: Wenn so wichtige Herausforderungen wie „Lernen mit neuen Medien/Digitalisierung“ thematisiert wird, dann kann dies nicht nur einen Teilbereich der Kinder und Jugendlichen – nämlich die Exzellenten und Begabten – betreffen. Im Prozess sich auf den Weg einer neuen Bildung im Kontext einer weitreichenden Mediatisierung zu machen, müssen alle Kinder und Jugendliche sowie alle Akteure von Bildung und des Schulwesens gleichermaßen eingezogen werden.

Abschließend möchte ich auf die Stellungnahme der Sektion Medienpädagogik der ÖFEB verweisen. Diese interpretiert – und dieser Interpretation und damit auch der Stellungnahme habe ich mich angeschlossen – die „verpflichtende Potentialanalyse“ und den „bundesweit einheitlichen Bildungskompass“ als „´Sokrates Bund´ zu einer weitreichenden staatlichen Kontrolle und Überwachung aller Kinder und Jugendlichen“. Sollte dies in irgendeiner Form keine unbeabsichtigte und unvorsichtige Nebenwirkung, sondern im Gegenteil eine beabsichtigte und unter Vorwand eines pädagogischen Sinns angegebene Maßnahme sein, dann kann es sich bei der formulierten Bildungsreform auch nicht um eine Themenverfehlung handeln. Dann handelt es sich gar um eine Untergrabung der Restbestände des Respekts gegenüber Schülerinnen und Schülern, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrern und einer demokratisch verstandenen Bildungslandschaft.

Bildschirmfoto 2015-12-15 um 18.26.46So komme ich zum Schluss, dass die Bildungsreformkommission recht fromm den Zurufen der lautstarken und meist selbsternannten Bildungsexperten folgen. Dabei aber die Feinheiten, die es zwingend zu berücksichtigen gilt, will man Bildung den gegenwärtigen und möglichen zukünftigen Lebensbedingungen entsprechend gestalten, übersehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s