Ein Erfahrungsbericht: Über Herausforderungen des kollaborativen Schreibens

Der folgende Beitrag verhandelt die Frage, was mich dazu veranlasst hat, laut und wütend zu rufen – „Nie wieder tue ich mir das an und schreibe mit jemand anderes ein Paper!“ – sowie mögliche Ansätze einen solchen Satz in Zukunft zu verhindern.

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Szene #1:

Es ist Mittwoch Nachmittag. Ich treffe mich an der Uni mit einer Gruppe Studierender zur Besprechung ihrer Rohfassung der Hausarbeit. Sie jammern, dass die Aufgabenstellung gemeinsam eine Hausarbeit zu verfassen viel schwerer ist, als gedacht. Überzeugt von meinem didaktischen Konzept, dass durch das gemeinsame Arbeiten ein intensiverer Aushandlungsprozess in der Erstellung der Hausarbeit ermöglicht wird, betone ich, dass dies „normal“ und „notwendig“ sei.

Szene #2:

Es ist Samstag Nachmittag. Morgen ist Deadline der Abgabe eines Papers, das ich gemeinsam mit einem geschätzten Kollegen verfasse; oder das wir zumindest geplant hatten gemeinsam zu verfassen. Im Vorfeld haben wir beiderseits die Freude über die Zusammenarbeit und das gemeinsame Denken betont. – Das war durchaus ernst gemeint; jedenfalls meinerseits. Die gemeinsam geplanten Arbeitsschritte sahen vor, dass ich auf Basis unterschiedlicher Textteile eine erste, durchaus ausgereifte Textfassung erstelle, die wir schließlich zur gemeinsamen – und selbstverständlich brillanten 😉 – Finalisierung führen. Soweit so gut. Also verabredeten wir uns an diesem Samstag zu einer Skype-Session, um über zu überarbeitende Textteile meiner Vorlage zu sprechen. Aber es kommt immer anders als man denkt. – Mein Kollege sendet mir also das Dokument mit Überarbeitungsvorschlägen und Kommentaren im „Überarbeitungsmodus“ von Word zurück. Ich solle mir die Vorschläge einfach durchsehen und wenn sie mir gefallen „annehmen“ bzw. „ablehnen“. Mit dem Moment des Öffnens des Dokumentes nahm aber alles eine, nun ja, weniger „produktive“ Wende. Das Dokument war, so mein erster Eindruck, übersäht mit Änderungsvorschlägen. Mehr noch: Zu meinem Erstaunen war etwa die Einleitung ein einziger Änderungsvorschlag! Im Anschluss haben wir nicht wie erhofft/gewünscht/vermutet über die einzelnen Textpassagen gesprochen deren Überarbeitung zur erhofften/gewünschten/vermuteten Brillanz des Papers hätte führen sollen/können/müssen. Statt dessen haben wir uns in einem Meta-Gespräch über einen möglichen Weg der fortlaufenden Zusammenarbeit verstrickt. Und das obwohl die Deadline unmittelbar vor der Türe stand und Samstag-Nachmittage doch einer im Zeichen der Förderung der Work-Life-Balance oder der Erfüllung familiärer Verpflichtungen stehen sollten.

Die beschriebene Szene #2 mit meinem geschätzten Kollegen und die Erinnerung an ähnliche Szenen beim kollaborativen Verfassen anderer Texte, hat mich dazu veranlasst intensiver darüber nachzudenken was dabei jeweils schief lief und wie solche Hürden in Zukunft verhindert werden könnten.

(1) Mein erster Gedanke in der Reflexion der Szene ist: Bin ich nicht kritikfähig? Bin ich zu überzeugt von meinen eigenen Texten, als dass ich „Änderungsvorschläge“ als solche annehmen und nicht als Kränkung wahrnehmen könne?

Von diesem Vorwurf, da muss ich ehrlich sein, kann ich mich nicht gänzlich befreien. Es liegt doch auf der Hand, dass man – im wissenschaftlichen Kontext – von seinen Gedanken, Argumenten und durchaus auch Formulierungen überzeugt ist. Wissenschaft ist in erster Linie die Suche nach dem Wahren. Glaubt man dieses Wahre oder zumindest einen Abglanz dessen gefunden zu haben, ist Wissenschaft in zweiter Linie die Veräußerung dieser „Wahrheitsspur“ an eine bestimmte Community. Dies erfolgt in unterschiedlicher Form wie etwa in Vorträgen oder eben schriftlichen Veröffentlichungen. Damit wird deutlich, dass die Formulierung eines Gedankens mit dem Gedanken selbst aufs engste verbunden ist. Oder anders: Ein Änderungsvorschlag die Formulierung betreffend, betrifft immer auch den Gedanken. Oder noch einmal anders: Will man einem*r Kolleg*in eine Änderung die Formulierung des Gedankens betreffend mitteilen, muss auf besondere Weise betont werden, dass es sich dabei eben ausdrücklich nicht um einen Eingriff in den Gedanken handelt. Und jeder Änderungsvorschlag muss genau das wahren.

Für mich wurde deutlich, dass jede*r Wissenschaftler*in in diesem Sinne jeweils eine eigene Sprache suchen und schließlich finden muss. Diese ist wiederum mit den jeweiligen Gedanken verknüpft. In überspitzter Form kann dies irgendwann dazu führen, dass man – durchaus sehr persönlich – an den eigenen Formulierungen (und teilweise auch Formatierungen) hängt und bei „Verbesserungsvorschlägen“ gekrängt reagiert. – Diese Beobachtung soll mich freilich nicht von meiner eigenen (teilweise vorhandenen) Kritikunfähigkeit befreien. Dies soll hier auch aus Respekt vor meinen Kolleg*innen betont sein. Doch habe ich gleichzeitig den Eindruck, dass dies gerade symptomatisch mit den Eigenheiten des Wissenschaftler*innen-Daseins verknüpft ist. Für das kollaborative Verfassen eines Papers bedeutet dies weiter, dass eine gemeinsame Sprache, mit gemeinsamen Formulierungen gefunden bzw. entwickelt werden muss, statt jeweils die eigene Formulierungsweise über die des anderen überzustülpen.

(2) Mein zweiter Gedanke bezieht sich auf die Frage nach der Rolle der Rahmenbedingungen unter denen die Zusammenarbeit erfolgt. Dies scheint meines Erachtens noch stärker das gemeinsame Arbeiten und Denken zu beeinflussen, als die beschriebene Beziehung von Wissenschaftler*innen und Sprache/Text. Insofern nehme ich mir selbst für zukünftige Zusammenarbeiten an einem Paper mit: Klärt vorab unbedingt alle wichtigen Parameter wie

  • Zeitplan,
  • Anspruch an den Text,
  • Grad der Finalisierung von Vorab-Versionen,
  • Gestaltung des Arbeitsprozesses und
  • falls möglich/notwendig andere wichtige Prozesse, in denen man zum selben Zeitpunkt eingebunden ist.

– Das nehme ich mir also vor sowie mit und entscheide später ob ich meinen im affektierten Zustand ausgerufenen Grundsatz nie wieder mit jemandem einen Artikel zu schreiben halte.

(3) Mein dritter Gedanke ist wohl der „individuellste“, insofern er sich auf individuelle Vorlieben bezüglich eines Arbeitsstils bzw. -modus bezieht. So merke ich persönlich – und bin durchaus gespannt auf ähnliche oder abweichende Erfahrungen –, dass ich „elektronische“ Anmerkungen direkt im „Überarbeitungsmodus“ von Word als „gesetzter“, „unumstößlicher“ und „unausweichlicher“ wahrnehme, als etwa handschriftliche Anmerkungen auf einem Textausdruck. Damit fühle ich mich als Wissenschaftlerin und meine Gedanken als weniger Wert geschätzt oder geachtet. – Gleichwohl das nicht beabsichtigt war. Allein die Tatsache, dass meine Textpassagen durch Löschen an den rechten Rand verbrannt wurden während in irgendeiner Farbe ein neuer Text, eine neue Formulierung und damit vielleicht gar ein anderer Gedanke grell heraussticht, erzeugt dieses Unbehagen. Wie schon gesagt, dies scheint mein individuelles Problem mit dem Überarbeitungsmodus von Word zu sein.

Conclusio

Abschließend kann ich sagen, dass meine Studierenden teilweise hervorragende Hausarbeiten eingereicht haben. Über die Schwierigkeiten und etwaige Lösungen wie sie dahin gekommen sind, kann ich nichts berichten. Ich hoffe sie sind auch weiterhin gut aufeinander zu sprechen.

Die Zusammenarbeit mit meinem geschätzten Kollegen läuft weiter. Ein Meta-Meta-Gespräch hat einiges geklärt. Meine wütend ausgerufene Absage an jegliche zukünftige Kollaboration beim Verfassen von Texten konnte ich zu einem „in nächster Zeit keine Kollaborationen“ entkräften. Dieses „in nächster Zeit“ hält vermutlich solange, bis der Ärger über Geschehenes vergangen ist und neue gemeinsame Ideen entstanden sind. – Das passiert vermutlich eher früher, als später.

P.S.: Das Berg-Bild am Anfang könnte verwundert, ist für mich aber eine wunderbare Metapher dafür, dass man über einige Hürden gehen muss ehe man den Durch- bzw. Überblick hat. (Zudem ist es um Weihnachten in Österreich entstanden.)

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