Das forschende Hirn sucht weiter…

In der Änderungsschreiberei werden Texte gesponnen, aneinander geheftet und miteinander verwoben, um Veränderungsprozesse zu beschreiben, sie zu greifbaren Stoffen und ihre Textur erkennbar werden zu lassen. Ein Veränderungsprozess wurde hier schon öfter thematisiert und bezieht sich auf Momente des Verfassens der Dissertation und auf den Abschluss des Doktorats. Dieser Veränderungsprozess wird in diesem Beitrag nun ins Zentrum gerückt. Aus gegebenem Anlass wird ihm etwas mehr Platz eingeräumt. Dabei wird der Veränderungsprozess – so es einer ist oder war –retrospektiv von hinten aufgerollt.

Einfach Abgeben

Ratschläge zum Schreibprozess einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit gibt es viele und ich höre mich selbst gelegentlich solche an Studierende weitergeben. Erwähnt man in manchen Kreisen auch nur kurz man befände sich in der Finalisierungsphase einer solchen Arbeit, wissen alle, was zu tun ist und mit welchen Schwierigkeiten man kämpft; – unabhängig davon ob sie selbst eine solche Arbeit schon einmal geschrieben haben oder nicht.

Nüsse essen | Spazieren gehen | eine Ferienwohnung mieten | Rotwein trinken (ausführlich getestet!) | Yoga machen | nur ganz fest daran glauben, dass die Arbeit diesmal wirklich fertig wird | etwas pragmatischer sein | eng an Quellen arbeiten | früh morgens schreiben und nichts mehr am Text ändern | Text rückwärts lesen | die Argumentationskette ohne Bezug auf Quellen bauen | soziale Kontakte ignorieren | sich belohnen | im Kaffeehaus schreiben | andere Abschlussarbeiten lesen | Mate-Tee trinken | in die Bibliothek gehen | jeden Tag daran schreiben – und wenn es auch nur 5 Minuten sind! | … und dann irgendwann ‚einfach’ abgeben!

EINFACH ABGEBEN! – Aber genau das ist doch das Problem! Wäre das Abgeben so einfach, würde man ja einfach abgeben!
Kurz um: Ich habe abgegeben. Ich habe Ende Mai meine Dissertation ‚endlich’, aber sicher nicht ‚einfach’ abgegeben.
Das Folgende ist als meine reflektierende Perspektive auf den erfolgten Prozess zu verstehen. Die Verschriftlichung dessen hilft vorrangig mir selbst, um mich des Prozesses zu vergewissern und neue Wege beschreiten zu können. Vielleicht hilft es aber auch anderen, in einem Schreibprozess befindlichen. Mag sein, dass es zu diesem Schreibprozess ganz andere Wahrnehmungen gibt. Ich freue mich so oder so über Austausch.

Anfang und Ende

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.Bildschirmfoto 2016-06-18 um 12.08.25

Bezogen auf wissenschaftliche Arbeiten muss diese Alltagsweisheit abgewandelt werden:
D
ie Dissertation hat mehrere Enden, aber kein finales.

Beginnt man sich ernsthafte Gedanken zur Konzeption einer Dissertation zu machen, freundet man sich langsam, Stück für Stück mit einem bestimmten Thema an. Man liest sich ein und überlegt sich einen – logisch abgeleiteten – methodischen Zugang. Zunehmend identifiziert man sich mit dem Thema. Man macht es sich zu eigen. Man ‚verliebt’ sich gar ein bisschen in die Forschungslücke.

Ach, du spannende Forschungslücke, in dich werde mich für eine lange Zeit zurück ziehen! Wir sind nun ein Paar, dass durch gute, wie auch schlechte Zeiten gehen muss.

In diesem Moment glaubt man den Grundstein für eine länger währende, tragende Beziehung gelegt zu haben. Der Anfang ist gemacht. Doch wäre es keine Dissertation, wäre es kein grundlegender Veränderungsprozess, würde nicht noch etwas passieren und den wohl skizzierten Ablauf auf andere Bahnen lenken. Anders formuliert: Beim ersten Anfang der Arbeit handelt es sich um einen Anfang, dem noch viele folge sollen. Irgendwann – bleibt man in der Metapher der amörsen Beziehung – muss es den ersten Streit geben, der von Auseinandersetzung Nummer Zwei und Drei flankiert wird. Oder anders:
Es geht mehrfach, immer wieder, um die Wurst! Es muss um die Wurst gehen!
Im Kontext der Dissertation tritt ein solcher, ernst zunehmender Konflikt etwa bei einer ersten Besprechung mit der Betreuerin/dem Betreuer auf. Auch so manche Besuche von Kolloquien oder DoktorandInnenforen können fundamentale Irritationen oder gar Verwerfungen des eigentlichen Themas auslösen. Und jeder, der sich schon einmal intensiver einem Thema gewidmet hat, weiß: Es gibt irgendwann dieses eine Buch, dessen Lektüre alles in Frage stellt, weil es (annähernd) die gleiche Fragestellung verfolgt, wie die eigene, die man gerade eben noch als neuartig und innovativ geglaubt hat.

Das fühlt sich jedesmal an, als müsse man von vorne beginnen; als müsse man einen neuen Anfang machen und sich von manchem Bisherigen verabschieden. Als beende man ein Vorhaben, um ein anderes zu beginnen. Vielmehr ist es aber so, dass sich das eigentliche Thema langsam herauskristallisiert. Retrospektiv würde ich es so beschreiben, dass man einen großen Steinbrocken bearbeitet. Nach und nach hämmert man von diesem die eine oder andere Ecke ab. Nach und nach bröckelt überflüssiges Beiwerk weg. Irgendwann bleibt dann ein schöner Kristall – der Kern der eigenen Arbeit – übrig. Das Loslösen vom Beiwerk, das vorsichtige Herausschürfen ist notwendigerweise mit Frustration verbunden, was durchaus zur Aufgabe des Vorhabens verleiten kann.

Bildschirmfoto 2016-06-18 um 12.08.17

Irgendwann dann – so war es jedenfalls bei mir – sieht man den Kern der Arbeit klar vor Augen. Dann fühlt es sich einmal mehr wie ein richtiger Anfang an; – obwohl, man zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon mitten in der Arbeit steckt.

Ähnlich, so meine Erfahrung, handhabt es sich auch mit dem Ende. Gefühlt habe ich meine Dissertation mehrfach abgeschlossen. Ich weiß nicht, wie viele Pläne zur Fertigstellung und wie viele finale To-Do-Listen ich aufgestellt habe, um sie jeweils kurz vor Schluss wieder zu erweitern. – Ich weiß natürlich nicht, ob diese Überarbeitungsschleifen sinnvoll waren und zur Verbesserung der Qualität der Arbeit beigetragen haben. Ich kenne die Gutachten zu meiner Arbeit (noch) nicht. Aber ich weiß, dass ich selbst mit jedem dieser Schritte mit der Arbeit zufriedener wurde und dass jeder Schritt in gewisser Weise zur Abgabe notwendig war. – Einen wesentlichen Beitrag zur Erweiterung meiner finalen To-Do-Liste, zur Verzögerung der Agbabe, aber auch – und das ist am wichtigsten – zur eigenen Zufriedenheit mit der Arbeit, haben die Leserinnen/Leser der Erstfassung geleistet: Insofern sei hier noch einmal mein herzlicher Dank an Thomas, Julia, Christian L., Christian F. sowie meine Erst- und Zweitbetreuer ausgesprochen.
Wie schon eingangs formuliert, hat eine solche Arbeit mehrere Anfänge und mehrere Enden. Man könnte auch meinen, dass die Abgabe einer solchen Arbeit ein klares Ende darstellt. Ich glaube aber vielmehr, es gibt kein eindeutiges und finales Ende einer solchen Arbeit. Es gibt keine letztgültige Finalisierung dessen. Es gibt nur eine Abgabe einer mehr oder weniger fertigen Arbeit. Das forschende Hirn sucht aber weiter.

Will man die Arbeit also irgendwann abgeben, muss man sie ‚einfach’ abgeben, auch wenn das eben gar nicht so ‚einfach’ ist, weil man ja immer eine nie gänzlich fertige Arbeit abgibt, und diese ruft Verunsicherung und Zweifel hervor.

… und während dessen?

Das Bisherige könnte fälschlicherweise als Plädoyer gegen das Verfassen einer Dissertation gelesen werden. So soll dieser Beitrag aber ganz und gar nicht verstanden werden. Trotz aller Schwierigkeiten und schweißtreibender, grauer Haare bringender und Falten hinterlassender Herausforderungen – gut, die Alterserscheinungen können auch auf die Dauer des Schreibprozesses zurückgeführt werden – habe ich es nie bereut dieses Vorhaben angefangen zu haben. Wann sonst hat man schon die Legitimation sich so intensiv einem Thema zu widmen? Wann gibt man sich für einen so langen Zeitraum in einen – mehr oder weniger – institutionell gerahmten Bildungs- und damit Veränderungsprozess? Es klingt vielleicht platt und romantisch-verkitscht, aber in und durch den Prozess habe ich noch einmal eine ganz neue Perspektive auf die Welt und auf mich in dieser Welt erhalten. Müsste oder dürfte ich die drei zentralen ‚Lernleistungen’ oder ‚Implikationen’ des Schreibprozesses formulieren, wären dies Folgende:

  1. Vertiefende Einblicke in eine spezifische Thematik sowie eine Zusammenhänge nachvollziehende Perspektive auf (Sub-)Disziplinen im Kontext der Thematik
  2. Analytisch-kritische Perspektive auf mein Selbst- und Weltverständnis und Nachjustierung des selben durch Erkenntnisse und Erfahrungen
  3. Entwicklung persönlicher Strategien zur Ermöglichung der Dissertation wie Selbstdisziplinierung, -motivierung und unterschiedlicher Formen der Regeneration im Sinne von „Kopf-frei-kriegen“

Wer sich für Implikation (1) interessiert, kann bei Bedarf (demnächst) in der online-verfügbaren Dissertation nachlesen. Wer sich für Implikation (2) interessiert, sollte etwas Zeit zur Verfügung haben. Dann macht es durchaus Sinn einander bei einem guten Kaffee oder einem Glas Wein (siehe getesteter Tipp Wein fördere den Schreibfluss) zu treffen.
Mit der unter (3) angeführten Implikation ist das so eine Sache. Eine solche Arbeit zu beginnen und – in welcher Form auch immer – abzuschließen, bedarf notwendigerweise einiger wesentlicher Fähigkeiten, aber auch Rahmenbedingungen. Zu den Rahmenbedingungen würde ich etwa ein stabiles – und in jedem Fall verständnisvolles – soziales Umfeld zählen. Gerade in den letzten Wochen vor Abgabe schien dies in meinem Fall noch einmal besonders wichtig. Oder anders formuliert: so ‚asozial’ wie in den letzten Wochen vor Abgabe war ich noch nie. Insofern sei auch an dieser Stelle noch einmal jenen Personen gedankt, die diese Wochen am meiste gespürt haben.
Die entwickelten oder ausgebauten Fähigkeiten betreffen Unterschiedliches. Als zentralste Lernleistung stellte sich die unermüdliche Selbstmotivation sich an den Schreibtisch zu setzen, obwohl man eigentlich keine Motivation mehr hat, heraus. – Sei dies nach dem eigentlichen Feierabend; sei dies im eigentlichen Urlaub oder Wochenende und sei dies immer dann, wenn Freunde und Familie irgendetwas Spaßiges machen. So elementar die Fähigkeit zur Selbstmotivation auch ist, so gefährlich kann sie auch sein. Wenige Wochen vor Abgabe haben die, mir zum Ziel der Motivieriung immer wieder selbst vorgehaltenen Floskeln eher abstoßend, denn motivierend gewirkt. Ich habe mir selbst Sätze wie ‚Dieses Wochenende durcharbeiten, dann hast du es geschafft!’ oder ‚Das ist wirklich der letzte Text oder das letzte Buch, das du einbaust.’ einfach nicht mehr geglaubt. Mehr noch, ich habe mich von mir selbst angelogen und betrogen gefühlt. Mit Abgabe der Arbeit hat sich dieses Gefühl wieder etwas eingestellt. Aber Geist und Körper müssen sich von den Strapazen noch etwas erholen. Denn das Beginnen, das Verfassen, das unermüdliche daran Arbeiten und irgendwann das Abgeben ist vieles, aber nicht einfach.

So, und jetzt gehe ich das Gefühl feiern, wieder ein bisschen mehr diese Arbeit abgegeben und mit dem Prozess abgeschlossen zu habe.

IMG_1252.jpg


Bildquellen:

Kristall: http://www.showyourart.net/galleries/showArtObject/2823/Kristall
Wurst: http://mal-alt-werden.de/alles-hat-ein-ende-nur-die-wurst-hat-zwei-ein-sprichwort-als-bilderratsel/

 

 

 

 

 

 

 

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