Das Verschwinden des treuen Begleiters von Bildung in der Gegenwart

Kulturelle Entwicklungen haben die Eigenheit sich langsam und behutsam in unser Leben einzuschleichen, um nach einiger Zeit, wenn selbst die Industrie und die breite Öffentlichkeit davon Wind bekommen hat wie ein Gigolo laut zurufen: „Hei, ich bin da! Du willst und kannst nicht ohne mich.“ Manche kulturelle Bereiche zieren sich wie eine Diva, dies auch wirklich zu glauben und brauchen mehr Überzeugungskraft als andere. Eine solche Diva ist Bildung respektive das Bildungssystem. Und einer dieser etwas lautstarken Gigolos sind digitale Medien; – oder das was in der Thematisierung von Mediatisierung und Digitalisierung jeweils aufs Neue in den Fokus gerückt und mit einem neuen, schillernden Begriff bezeichnet wird.

Im Kontext von Bildung wurde zunächst von Medien und einer Medienpädagogik und dafür notwendiger Medienkompetenzen respektive von media literacy gesprochen. Ausgangspunkt diesbezüglich waren die ‚klassischen’ Medien wie Film, Fernsehen, Radio und die Presse. Der Einzug vielfältiger digitaler Medien, an Stelle von den genannten ‚klassischen’ Medien in unterschiedliche Bereiche und insbesondere in den Bildungskontext wird mit der Verbreitung eines E´s vor anderen zentralen Begriffen markiert: So wurden eLearning gleichermaßen wie eLectures, eDidactics oder auch eEducation zu Leitbegriffen, an denen sich Fachwissenschaften und Bildungswissenschaften, aber auch Journalismus und Wirtschaft abgearbeitet haben und bisweilen noch abarbeiten. Gemeint ist damit jeweils der Einsatz digitaler und daher elektronischer Medien als Werkzeuge für irgendein bestehendes Format. Das E wird dem Bisherigen vorangestellt, lässt dies aber in seiner Grundstrukturierung weitgehend bestehen. Doch das E vor eLearning wurde zur Normalität; sein Glanz verblasste und zunehmend rückte das Web an seine Stelle. Zu hören war vom ominösen Web 2.0, von Webinaren und sonstigen webbasierten Angelegenheiten. Betont wurde damit, dass es nicht mehr nur um etwas Digitales und daher Elektronisches ginge, sondern insbesondere um alles, was online, über was WordWideWeb verhandelt wurde.

Über die Zeit hat sich die Diva Bildung an ihren treuen Begleiter – unabhängig davon ob er seinen Namen an Medien orientierte, ein E vorschob oder sich Web nannte – gewöhnt, ja, ihn vielleicht lieb gewonnen. Und plötzlich folgt sie nicht mehr nur den Zurufen von außen, sondern setzt vor allen zentralen Begriffen ein digital: So finden sich nun digitale Kompetenzen und digitale (Grund-)Bildung als pädagogische Leitbegriffe in einer digitalisierten Welt, die einer zunehmenden Digitalisierung unterliegt. Aber nur keine Sorge: Der, die Gesellschaft bisher durchzogene digital devide löst sich mit der Zeit durch ein Mehr an digital natives auf. Einen Beitrag dazu leisten auch Wirtschaft und Politik mit ihrer Digitalisierungs-Roadmap und einer umfassenden Bildungsinitiative, die sich selbst Digitalisierungsstrategie nennt. Ab und an reihen sich daran Begriffe wie informatische (Grund-)Bildung, algorithmisches Denken oder auch Computational Thinking.

Doch dabei hat die Diva Bildung eines übersehen:

Das Digitale hat sich dermaßen tief in die sozio-kulturellen Strukturen der Gegenwart eingeschrieben, dass nach der Betonung des Digitalen wohl nur noch eines übrig bleibt: auf jegliche Beifügung eines Buchstabens oder Betonung eines Begriffs zu verzichten.

Schließlich wird gegenwärtig alles durch elektronische, digitale und onlinefähige Medien durchzogen und geprägt, so auch Bildung. Übrig bleibt schlicht und einfach, ohne Schnörkel, ohne vor- oder nachgestelltem Buchstaben, ohne Begleitbegriff und doch in ihrer Grundstruktur medial – einfach nur Bildung.

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