Digitale Ökologie? – Ein Essay zum Verhältnis von Digitalisierung und Ökologie

Irgendwas mit Umwelt, vielleicht auch mit Umweltschutz, nennen wir es ‚Ökologie‘.
Irgendwas mit Medien, vielleicht mit digitalen, nennen wir es ‚digital‘.

So in etwa erscheint der sich intensivierende Diskurs um eine digitale Ökologie. Doch die Verwendung dieses Begriffspaars ist inhaltlich irreführend. Warum dem so ist, soll hier beschrieben werden. Aber nicht bevor betont wurde, dass der inhaltliche Diskurs um die Themen Digitalisierung und Ökologie und die systematische Zusammenführung dahinterliegender Konzepte dringend notwendig sind und mich die Intensivierung des Diskurses aus wissenschaftlicher und persönlicher Sicht erfreut. Beginnen wir zunächst mit einer differenzierten Begriffsbestimmung.

Was ist unter Ökologie zu verstehen?

Ökologie  ist die „Wissenschaft von den Beziehungen der Organismen untereinander und mit ihrer Umwelt“ [i]. Der etymologische Ursprung verweist auf ein größeres zusammenhängendes System, denn Ökologie stammt vom griechischen Wörtern oikos (für Haus ) und logos (für Lehre)[ii]. Es geht um das Zusammenleben aller Lebewesen ‚in einem Haus‘ sowie um die jeweiligen Wechselbeziehungen untereinander und zur Umwelt. Gelegentlich ist auch vom ‚ungestörten Haushalt der Natur‘ die Rede; also von einem System des Zusammenlebens, in das weitgehend nicht eingegriffen wurde bzw. wird. Letztlich hat der Begriff Ökologie bereits gegen 1866 unter Ernst Haeckel (Biologe) eine ergänzende Bedeutung als Beschreibung des „Kampfes ums Dasein“ und „vom Haushalt der Natur“ erhalten und wurde für Diskurse um Klima- und Umweltschutz relevant.

Als wissenschaftliche Disziplin kann die Ökologie in Untergruppen eingeteilt werden, die sich „nach dem Ausgangspunkt der Betrachtung“[iii] richten: Stellt man etwa einen Einzelorganismus in das Zentrum bewegt man sich im Kontext der „Autökologie“. Steht eine Population im Fokus, handelt es sich um eine „Populationsökologie“, die fließend in die „Synökologie“ übergeht, die sich auf eine Lebensgemeinschaft konzentriert und die schließlich in die „Lehre vom Gesamthaushalt der Natur“, also der „Ökologie“ übergeht. Zusätzlich kann die Ökologie nach Großlebensräumen (terrestrische Ökologie, Limnologie, Ozeanographie), in Organismengruppen (z.B. Parasitologie) sowie nach der vorherrschenden Methodik (z.B. angewandte, theoretische, experimentelle Ökologie) unterschieden werden[iv]. Die Erforschung dieser Kontexte kann jeweils einen historischen, zukunftsorientiert-visionierenden und – bezogen auf den Naturschutz –kritischen Blick einnehmen.

Was ist unter ‚digital‘ zu verstehen?

Mit digital ist – auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht – gemeint, dass etwas durch einen binären Code von 0 und 1 darstellbar und in einzelnen Schritten berechnet bzw. erarbeitet werden kann. ‚Digital‘ verweist auf das lateinische Wort ‚digitus‘ für Finger. „Die digitale Kultur beruht auf dem zählenden Finger“[v]. Der Begriff der Digitalisierung verweist mit dem Suffix -ung auf einen Veränderungsprozess von – etwas vereinfacht formuliert – Analogem zu Digitalem. Die Digitalisierung bildet alles Bisherige, alle bisherigen vielfältigen Darstellungsformen, alle „unterschiedlichen Materialien (Film, Foto etc.) des Visuellen“ in zwei Ziffern ab und vereinheitlicht diese[vi]. Dabei sei hinzuzufügen, dass die Digitalisierung alleine, nicht jenes Transformationspotential entfalten könnte, wie es die Digitalisierung unter Einbezug des beinahe flächendeckend zugänglichen Internets[vii] und entsprechender Hardware erlaubt. Es geht also nicht um eine oberflächliche Veränderung und nicht um eine Zunahme der Nutzung digitaler Medien. Es geht vielmehr um „ein[en] durch technologische Entwicklungen getriebene[n] bzw. ermöglichte[n] Transformationsprozess […], der weitreichende strategische, organisatorische sowie soziokulturelle Veränderungen mit sich bringt“[viii]. Dabei ist der binäre Code nicht nur eine Übersetzung von Welt in 0 und 1. Der Code selbst hat eine „tiefgreifende Wirkmacht auf moderne Gesellschaften […], indem er bestimmte Optionen vorsieht und andere Möglichkeiten dafür ausschließt“[ix]. Der Code bestimmt „Wahrnehmungsweisen“ bzw. stellt der Code „selbst eine genuine Wahrnehmungswiese dar […], die paradigmatisch auf anderer Wahrnehmungsweisen wirkt“. Das menschliche Unvermögen außerhalb einer digitalen Darstellbarkeit wahrzunehmen und zu erkennen ist kein neues Postulat. Das findet sich bereits bei Lyotard[x], der davon ausgeht, dass nur mehr jenes Wissen Gültigkeit hat, welches via digitaler Technologie abbildbar ist. Dies kann man ergänzen: Der Code bestimmt unsere Wahrnehmungsweise der Welt, der Umwelt, des Planeten Erde. So beruhen unsere Vorstellungen von Klima und Klimawandel auf algorithmische Berechnungen[xi].

Und nun?

Oftmals ist das Argument zu hören wir bräuchten eine möglichst klare, leicht verständliche ja vielleicht sogar plakative Begriffsverwendung um Resonanz in der Bevölkerung und bei (politischen) Entscheidungsträgern zu erwirken, letztlich auch um Gelder zu lukrieren. Doch auch hier ist Vorsicht und Differenziertheit geboten. Denn, mit Blick auf den Terminus „digitale Bildung“ kann man erkennen, wie ein Terminus seinen Weg schlägt und sprichwörtlich als losgelassenes Pferd nicht mehr zu zähmen ist: Bildung ist immer ein individueller Transformationsprozess einer Person durch Erfahrungen in der Welt. Daher kann Bildung durch mediale Inhalte angeregt werden oder – wenn institutionell – über digitale Medien organisiert werden. Vielleicht ist der Inhalt eines solchen formellen Prozesses gar die Entwicklung von Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien; gleichwohl wird Bildung damit niemals ‚digital‘. Klar und deutlich: Bildung ist nicht digital.

Dies sei bei der Verwendung des Begriffspaares „digitale Ökologie“ zu bedenken: In der Logik der oben genannten Wortdefinitionen könnte das „digitale“ etwa eine Eingrenzung im Sinne eines methodischen Zugangs sein: Es ginge bspw. dann um eine Ökologie, die mit digitalen Werkzeugen erforscht oder – positiv formuliert – mit digitalen Hilfsmitteln erst sichtbar wird. Im Kontext der Klimaforschung etwa bedenken Chun[xii] und Franzen[xiii] kritisch, dass unser Vorstellung von Klima und der Entwicklung des Klimas in Zukunft rein auf digital berechnete Modelle basiert, die äußerst fehleranfällig sind. Digitale Werkzeuge prägen unsere Weltsicht maßgeblich. Durch den computerbasierten Blick auf die Welt fehle uns nach Klein aber zunehmend die Fähigkeit die kleinen Dinge der Natur und mögliche kleine lokale, klimabedingte Veränderungen zu beobachten: Ein bestehendes Problem ist jenes, dass die heutige Gesellschaft mobil geworden ist und die Beobachtung eines Ortes dadurch erschwert ist.

„Der Klimawandel ist ortsbezogen, wir aber befinden uns überall zugleich. Das Problem besteht aber nicht nur in unserer schnelle Fortbewegung, sondern auch darin, dass sich der Klimawandel lokal im Kleinen bemerkbar macht, in der vorzeitigen Blüte einer bestimmten Blume, in einer ungewöhnlich dünnen Eisdecke auf dem See, in einem Ahornbaum, in dem kein Saft mehr fließt, in der späten Ankunft eines Zugvogels. Um diese subtilen Veränderungen wahrzunehmen, müssen wir eng mit dem jeweiligen Ökosystem verbunden sein. Zu dieser Art der Vertrautheit kommt es nur dann, wenn wir einen Ort – nicht nur als Szenerie, sondern auch als Lebensbasis – von Grund auf kennen und wenn dieses Wissen in heiliger Pflicht von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.“ [xiv]

Letztlich verweist die Wortkomposition „Digitale Ökologie“ aber nicht auf das, auf was es verweisen möchte: Nämlich auf ein Bewusstsein, dass die Digitalisierung respektive die Entwicklung, Herstellung, Nutzung und Entsorgung digitaler Technologie enormen Einfluss auf das ökologische Zusammenspiel von Mensch, Lebewesen und unbelebte Umwelt hat. Aber: Die Ökologie ist nicht digital.

Oder doch? Ist die Ökologie doch digital?

Abschließend sei noch ein weiterer Gedanken in den Raum gestellt: Ist die Ökologie, also das Zusammenleben von Mensch, anderen Lebewesen und nicht lebender Umwelt nicht immer schon ‚digital‘, im Sinne einer binären Logik folgend: Leben oder Tod; Wasser oder nicht Wasser; Nahrung und keine Nahrung; Fressen oder gefressen werden…?


[i] Schaefer, M. (2012). Wörterbuch der Ökologie (5. neu bearbeitete und erweiterte Auflage.). Spektrum Akademischer Verlag. http://dx.doi.org/10.1007/978-3-8274-2562-1, S.198

[ii] Duden. (o. J.). Ökologie. Bibliographisches Institut GmbH. Abgerufen 5. Februar 2020, von https://www.duden.de/rechtschreibung/Oekologie

[iii] Schaefer, M. (2012). Wörterbuch der Ökologie (5. neu bearbeitete und erweiterte Auflage.). Spektrum Akademischer Verlag. http://dx.doi.org/10.1007/978-3-8274-2562-1, S.198

[iv] Schaefer, M. (2012). Wörterbuch der Ökologie (5. neu bearbeitete und erweiterte Auflage.). Spektrum Akademischer Verlag. http://dx.doi.org/10.1007/978-3-8274-2562-1, S.198

[v] Han, B.-C. (2013). Im Schwarm. Ansichten des Digitalen (4. unveränderte Auflage). Matthes uns Seitz., S.50

[vi] Faßler, M. (2009). Nach der Gesellschaft: Infogene Welten, anthropologische Zukünfte. Wilhelm Fink., S.211

[vii] Meyen, M. (2009). Medialisierung. Medien & Kommunikationswissenschaft, 57(1), 23–38. https://doi.org/10.5771/1615-634x-2009-1-23 , S.25

[viii] Petry, T. (2019). Digital Leadership: Erfolgreiches Führen in Zeiten der Digital Economy (2. Auflage 2019). Haufe., 22.

[ix] Jörissen, B., & Verständig, D. (2017). Code, Software und Subjekt. Zur Relevanz der Critial Software Studies für eine nicht-reduktionistisches Verständnis „digitaler Bildung“. In R. Biermann & D. Verständig (Hrsg.), Das umkämpfte Netz. Macht- und medienbildungstheoretische Analysen zum Digitalen (S. 37–50). Springer VS.

[x] Lyotard, J.-F. (1979). Das postmoderne Wissen: Ein Bericht (O. Pfersmann, Übers.; 7., ü.a. Aufl.). Passagen Verlag (2012).

[xi] Chun, W. H. K. (2015). On Hypo-Real Models or Global Climate Change: A Challenge for the Humanities. Critical Inquiry, 41(3), 675–703.

[xii]Chun, W. H. K. (2015). On Hypo-Real Models or Global Climate Change: A Challenge for the Humanities. Critical Inquiry, 41(3), 675–703.

[xiii]  Franzen, J. (2020). Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Rowohlt.

[xiv] Klein, N. (2019). Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann. Hoffmann und Campe, 142.