Stellt Blumen in die Fenster (ein Text von Thomas Arzt)

E012_trauung-12igentlich wäre es lange schon an der Zeit, dass ich hier von meinen Erfahrungen im neuen Job (Universität Flensburg) oder von meinem Voranschreiten bei der Promotion berichte. Aber um ehrlich zu sein, treiben mich – neben diesen durchaus spannenden Dingen – gegenwärtig viele andere Themen um…

Daher ist es mir eine Ehre und Freude hier einen Text meines Partners, besten Freundes und Ehemanns Thomas Arzt veröffentlichen zu dürfen. Er hat mich darum gebeten und ich komme dieser Bitte sehr sehr gerne nach. Ich freue mich, dass die Seiten hier nicht nur mit meinen (wissenschaftlichen) Überlegungen, sondern auch mit Literarischem, Kritischem und durchaus auch Politischem gefüllt werden…

Stellt Blumen in die Fenster

Thomas Arzt, 11. September 2015

Ist verwelkt, der Strauß, und mit ihm die Schönheit. Hatt ich besorgt die Schönheit, für meine Frau, das war vor sieben Tagen. Wollt los und ihr, weil sie’s so gern hat, wenn was strahlt, daheim, und blüht, dann diesen Strauß vom Markt am Tisch im Wohnzimmer platzieren, für uns daheim. Bin rauf, die Treppen, grad noch auch das Brot vom Markt und frische Kipferl mit Rosinen, das war der Samstag, 5. September. Hatt etwa 30 Euro noch bei mir, für die Besorgung, die waren weg, ein guter Einkauf kostet, weiß ich doch, der kostet, und auch der Strauß, die Schönheit, so war die Tür dann offen, hallo, Schatz, es kocht schon der Kaffee, sagt sie. Und dann haben wir gepackt. Sie hat gesagt, es reicht Kaffee, lass stehen, die Nachrichten sind gelaufen, lass stehen, ich schau sie an, sie sagt, lass stehen, es kommen heut Hundert. Vielleicht sind es Tausend. Wir wissen, und sagen’s nicht laut, es sind Millionen. Ich hab ihre Hand gespürt, eine Hand für die Hundert, die Tausend, wir fühlen es still, es sind Millionen.Am Bahnsteig vom Westbahnhof, ich halt sie ganz fest, ein Gefühl, ich könnt sie verlieren, bin eingestellt auf den Sturm. Ein Ansturm, die Nachrichten sind gelaufen, die Züge sind voll, die Busse sind voll, die Ohren sind voll, und die Säcke, die Taschen, Einkaufswagen mit Brot, nicht Kipferl hier mit Rosinen, das Einfachste halt, und um 30 Euro, da ist sich sehr viel mehr ausgegangen, als erwartet, wenn wir nur wollen. Ich hör diese Sätze, wenn wir nur wollen. Ich seh diese Sätze und fühl das dann auch, als sie aussteigen, sie, wer sind sie? Sind es die Hundert? Sind es die Tausend? Die Nachrichten, noch immer sind sie um uns, wir halten uns nicht mehr, denn wir verteilen die Äpfel, das Wasser und Schokolade, zwei Mädchen freuen sich. Ihre Mutter weiß erst nicht, ob sie’s nehmen soll, oder nicht. Die Bereitschaft zu helfen ist ein ebenso großer Ansturm, wie die Bedürftigkeit nach Hilfe. Könnt ich denn anderes tun, als hier jetzt zu weinen, zu klatschen, zu handeln, es reißt mit, diese Hilfe, und ich hab das Gefühl, ich versteh das Alles noch gar nicht.

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